Kapitel 2
Dunkelheit
umschloss Leif, samtweich und undurchdringlich. Er konnte nicht einmal seine
eigenen Hände erkennen, doch das verunsicherte ihn nicht. Er hatte keine Angst.
Er hörte ein
entferntes Rauschen, wahrscheinlich von den Bäumen, die um das Grundstück herum
wuchsen. Er stand einfach nur da, seine Arme hingen entspannt an seinem Körper
herab. Er fror nicht, wenngleich er den kalten Boden unter seinen nackten Füßen
fühlte.
Leif sah hinaus
in die Schwärze. Er fühlte sich schläfrig und gleichzeitig entspannt. Obwohl
die Welt um ihn herum totenstill war, fühlte er sich nicht allein. Nein, er wusste,
dass er nicht allein war.
Er drehte den
Kopf in die Richtung, in der er den anderen spürte. Sie berührten sich nicht,
standen nebeneinander. Als würde er aus den Tiefen dunklen Wassers auftauchen,
wurde der Mann neben ihm aus der Finsternis geboren und verdichtete sich zu
grauen Schemen.
Er kam Leif
bekannt vor, doch er konnte ihn nicht einordnen. Er mochte etwa so alt sein wie
er selbst, hatte dunkles Haar und war etwas kleiner als Leif. Der Ausdruck
seines Gesichts war ernst, aber nicht streng. Nur der Zug um seinen Mund
kündete von Verlust.
»Wer bist du?«,
fragte Leif.
Der Mann
lächelte ihn an. »Du bist groß geworden.«
Eine seltsame
Antwort, fand Leif. Und doch, irgendwie schien sie auszureichen. Er zuckte mit
den Schultern. Der Mann drehte sich wieder nach vorn. Leif tat es ihm gleich
und betrachtete die Schwärze, als wäre sie ein Gemälde in einem Museum.
»Es wird Zeit
für dich zu gehen«, sagte der Mann.
»Was meinst du?«
»Siehst du es
nicht? Dort? Du musst hindurch«, antwortete der Mann und zeigte mit
ausgestrecktem Arm schräg vor sie.
Doch alles, was
Leif sehen konnte, war Schwärze. Nur, dass diese nicht mehr freundlich war. Sie
grollte lautlos, Leif konnte es in seinen Knochen vibrieren fühlen. Er wich
einen Schritt zurück.
»Nein... ich
will nicht.«
»Du musst. Es
gibt keinen anderen Weg«, entgegnete der Mann. »Du musst finden, was verloren
ist.«
Leif war, als
hätte er etwas Wichtiges vergessen. Er fühlte es, konnte es aber nicht greifen.
War es das, was der Mann von ihm verlangte? Musste er diese Sache suchen?
Er zuckte
zusammen, als er eine kindliche Stimme vernahm.
»Pappa.«
Leif hätte den
Knirps auch nur an der Stimme erkannt, wenn er nicht aus den Schatten
herausgetreten wäre. Nun begriff Leif auch, woher er den Mann an seiner Seite
kannte. Vertrauensvoll blickte Sam zu seinem Vater auf und griff nach dessen
Hand. Die Ärmel seines geringelten Pullovers waren zu kurz, in seiner Latzhose
prangte ein Riss am Knie.
Obwohl der
Kleine kaum mehr als vier Jahre alt sein konnte, lag etwas Befremdliches in
seiner Art. Sam hatte nicht den Ausdruck eines Kindes, sondern den eines
erwachsenen Mannes, als er seinen Vater traurig anlächelte. In diesem Moment
glichen sich Vater und Sohn frappierend.
Ein
Donnergrollen ertönte und Sam blickte besorgt zu der brodelnden Schwärze, die
sich ihnen näherte. Langsam, wie eine Schlange auf der Jagd.
»Pappa, geh ins Haus.
Es wird bald regnen«, wies der junge Sam seinen Vater an.
Andreas
Wahlstrom gehorchte.
»Es war schön,
dich wiederzusehen, Leif.«
Andreas lächelte
Leif an, wandte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Sam blickte seinem
Vater hinterher und seufzte leise.
»Er macht sich
Sorgen um dich.«
Die Worte
klangen wie ein Vorwurf aus dem kindlichen Mund.
»Muss er das
denn?«, fragte Leif.
Sam schlang die
Ärmchen um seinen Körper, als würde er frieren. Er zog die Brauen zusammen und
sah in Richtung der Schwärze.
»Ja.«
Der Morgen
stellte sich als grauenvoll heraus. Leifs Kopf schmerzte und sein Nacken war
verspannt. Mit einem Schnaufen krabbelte er aus dem Bett und streckte sich
ausgiebig.
Angesichts der
Erlebnisse des Vortages hatte er lange nicht einschlafen können. Als es ihm
dann endlich gelungen war, hatte sich seine Aufgewühltheit in seine Träume
geschlichen. Er erinnerte sich dunkel, dass er etwas hatte suchen sollen. Was
genau, wusste er nicht mehr. Verloren war er umhergeirrt und am Ende von
eisiger Schwärze verschlungen worden. Die Kälte hatte sich in seinen Knochen
eingenistet, als er mit einem erstickten Schrei erwacht war.
Er war froh,
dass er sich das Zimmer noch nicht mit Paul teilen musste, denn der hätte sich
bei ihm bedankt. Immer wieder war er nach dem Traum wach geworden, hatte sich
unruhig hin und her geworfen, gequält von Erinnerungen und gefangen in wirren
Gedankengängen. Der Fluchtimpuls war groß gewesen.
Scheiß auf den Speilhav, scheiß auf die
Proben, scheiß auf die Abschlussarbeit!
Genau.
Hauptsache, er konnte dieser Situation entkommen. Vor Sam davonlaufen, vor
Erinnerungen und Gefühlen, von denen Leif gehofft hatte, sie endlich
zurückgelassen zu haben. Schmerz. Verzweiflung. Das Gefühl, weder gewollt noch
gebraucht zu werden. Wut und Hass. Vor allem auf die eigene Schwäche.
Er hatte damals lange
gebraucht, sich daraus hervorzuarbeiten. Zu begreifen, dass andere Menschen
durchaus an ihm interessiert waren. Andere Männer. So lange war Sam das Maß
aller Dinge gewesen: Freund, Bruder und – Geliebter, auf eine seltsame und
versteckte Art. Alles eins. Noch Jahre nach ihrer Trennung hatte sein Schatten
über Leif gehangen, hatte jeden Mann, der Leif wichtig hätte werden können, in
Dunkelheit getaucht.
Doch dann war
Micha in Leifs Leben getreten. Ganz anders als Samuel war er gewesen. Offen.
Mit einem Lachen, das jeden Menschen sofort für ihn einnahm. Micha war hungrig
gewesen. Auf neue Menschen, neue Erfahrungen. Vielleicht war Leif so eine neue
Erfahrung gewesen, zu Beginn. Doch irgendwie hatte sich das zwischen ihnen
verselbstständigt, war gewachsen. Fast zwei Jahre waren sie zusammen gewesen.
Micha hatte viele Wunden in Leif heilen lassen. Und doch... hatte es nicht
gereicht.
Leif lächelte
bei den Erinnerungen an Micha traurig. Er wollte die gemeinsame Zeit mit ihm
nicht missen. Doch er schämte sich für das Ende. Es war ihrer nicht würdig
gewesen und er trug die Schuld daran. Er hatte Micha betrogen. Es war eine
dumme Entscheidung gewesen, mit dem Typen mitzugehen, der ihn in der Kneipe
angegraben hatte. Nein, tatsächlich war es wohl gar keine Entscheidung gewesen, denn
Leif hatte schlichtweg nicht nachgedacht. Der Blick des Kerls hatte auf seiner
Haut geprickelt. Er hatte diese berauschende Mischung aus Angst und Erwartung
gespürt. Wie ein Junkie auf Entzug war er darauf angesprungen. Und mit dem Kater
seines Lebens aufgewacht.
Er hatte es
Micha nicht verheimlichen können. Als er zerschunden in seine Wohngemeinschaft
gekommen war, hatte Micha dort schon auf ihn gewartet. Blass. Einen Becher mit
erkaltetem Tee in den Händen. Enttäuschung und Unverständnis im Blick. Leif
hatte ihm nicht erklären können, was er gesucht hatte. Was er für wenige
Augenblicke geglaubt hatte zu spüren, bis auch diese Illusion zerbrochen war.
So viel Wärme
Micha auch in sich trug, er war fähig, sie von einem Moment auf den anderen zu
entziehen. Zurück blieb ein hübscher junger Mann mit aschblonden Haaren, einer
Zahnlücke und einer Haltung, die an eine Königin beim Protokoll erinnerte. Leif
hatte sich schäbig verhalten, aber Micha zeigte Rückgrat.
Es hatte ihm
wehgetan, Micha zu verlieren. Leif hatte ihn vermisst, sein Lachen, die frechen
Kommentare, seine Verspieltheit im Bett.
Und doch hatten
gerade die ersten Monate ihrer Trennung Leif sehr deutlich gemacht, dass etwas
Entscheidendes zwischen ihnen gefehlt haben musste. Denn es brach ihm nicht das
Herz. Er lebte weiter. Einfach so. Und mit jedem Tag gewann die melancholische
Dankbarkeit Überhand über das Vermissen. Bis das Vermissen nur eine Erinnerung
war. Milde und blass.
Danach brauchte
Leif niemanden mehr, der seine Wunden versorgte. Er war nicht heil, aber intakt
genug, um zu leben. Zu flirten, zu lachen, wütend und betrunken zu sein. Sich
ab und an in eine Affäre zu stürzen. Interessant, heiß und belanglos. Er hielt
es aus, allein zu sein, genauso, wie er Gesellschaft ertrug. Sein Leben fühlte
sich richtig an. Lernstress an der Uni, manchmal Zukunftsängste, die er mit den
meisten seiner Kommilitonen teilte. Freunde, die ihm wichtig waren. Allen voran
Paul.
Es war eine
fadenscheinige Sicherheit, die er in den letzten Jahren gewonnen hatte. Und er
Idiot hatte all die Zeit geglaubt, an einer festen Rüstung zu arbeiten, die ihn
durchs Leben begleiten konnte. Nun stand er da, in Lumpen gehüllt.
Die
morgenfrische Luft biss ihm ins Gesicht, als sich Leif fröstelnd zum See begab.
Außer ihm war noch niemand wach und er genoss die Ruhe. Er betrat den dunklen
Steg, der ein paar Meter weit ins Wasser führte. Das Holz war vom nächtlichen
Regen nass und an einigen Stellen verzogen, eine morsche Planke war
durchgebrochen. Es roch nach feuchter Erde, nach Pflanzen und See. Leif hockte
sich hin und streckte die Hand ins Wasser. Sofort bekam er eine Gänsehaut.
Verdammt, war das kalt! Aber nach dieser Nacht voller Albträume fühlte er sich
verklebt und wollte die Schatten seiner dunklen Erinnerungen schnellstmöglich
abwaschen.
Aus dem
Bootsschuppen holte er eine Schöpfkelle und eine alte Waschschüssel aus
Emaille, die er auf dem Steg mit klarem Seewasser befüllte. Es hatte etwas von
Camping an sich, als er sich aus seiner Jacke und seinem Shirt schälte und sich
zügig mit dem eisigen Wasser wusch. Aber immerhin weckte es seine
Lebensgeister. Schnell rubbelte er sich trocken und zog die Kleidung wieder
über. Er war gerade mit Zähneputzen fertig, als sich jemand hinter ihm
räusperte. Überrascht fuhr Leif herum.
»Hey.«
Samuel stand vor
ihm, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und blickte auf ihn hinab. Sofort
griff Leif nach seinen Sachen und erhob sich. Er mochte es nicht, zu Sam
aufsehen zu müssen.
»Morgen«,
presste er hervor.
Er wollte weg.
Einfach nur weg. Sein Stolz verbot es ihm jedoch, die Beine in die Hand zu
nehmen. Also krallte Leif die Finger in das raue Frotteehandtuch und sah Sam
kühl an. Er fragte sich, was Sam um diese Uhrzeit hier machte. Es war kurz vor
sieben und wenn Samuel wirklich mehrere Kilometer entfernt lebte, musste er
schon vor Stunden aufgestanden sein.
Einige
Herzschläge lang sahen sie sich schweigend ins Gesicht.
Sam hatte sich
verändert. Er hatte Falten um die Augen bekommen und eine senkrechte Linie auf
der Stirn. Leif wusste ganz genau, woher sie kam. Immer, wenn Sam grübelte, zog
er die Brauen zusammen, sodass er mürrisch, wenn nicht sogar wütend wirkte.
Dabei war er nur konzentriert. Beim Sport hatte er manchmal richtig böse
ausgesehen. Die Schramme an seinem Kinn zeichnete sich rosa in dem Bartschatten
ab, der sich dunkel über Kinn und Wangen erstreckte. Sam wirkte müde, seine
Augen waren gerötet.
Früher hatte
Leif oft geglaubt, er könne in den Augen seines besten Freundes ertrinken, so
tief und bewegt waren sie ihm erschienen. Nun waren sie einfach ein Paar
brauner Iris. Flach wie eine verschlossene Tür.
Mit einem
entschlossenen Schritt schob sich Leif an Samuel vorbei. Der Steg war zu
schmal, als dass er dabei hätte so viel Abstand wahren können, wie er es gerne
gewollt hätte.
»Leif, warte
bitte«, sagte Samuel leise.
Der Fluchtimpuls
trieb Leif bis zum Ende des Stegs. Erst dann drehte er sich um. Es war besser
so. Mit Luft zwischen ihnen, die nicht nach Sam roch.
»Was ist?«,
fragte er.
Samuel atmete
tief ein und zog im selben Moment die Schultern empor. Die vergangenen Jahre
schienen von ihm abzufallen. Zurück blieb ein Teenager, der nicht wusste, wo er
mit seinen zu langen Gliedmaßen hin sollte. Leif hasste den Anblick.
»Hätte ich
gewusst, dass du... Ich hätte einen Bekannten gebeten, mich für diese Zeit zu
vertreten. Es... es tut mir Leid.«
Kälte schlich
sich in Leifs Brustkorb, tastete mit klammen Fingern nach seinem Herzen und
schloss die Faust darum.
»Ich werd's
überleben«, sagte er und wunderte sich, dass er überhaupt ein Wort herausbekam.
Sam presste die
Lippen aufeinander, dann nickte er. »Ja... Ich... Lass uns einfach...
versuchen, normal miteinander umzugehen, okay?«
Leif hätte Sam gerne ins Gesicht
gelacht. Oder ihn geschlagen. Normal.
»Sicher. Ich werde
mich einfach so weit es geht von dir fernhalten«, knurrte er.
Er wollte sich
abwenden, doch Samuel hielt ihn erneut auf: »Leif!«
Leif zog eine
Augenbraue empor. Wenn Sam ihn nicht bald gehen ließ, würde er ihn im See
ersäufen. Oder so lange auf ihn einschlagen, bis dieses Gesicht nicht mehr
aussah wie in Form gegossene Sehnsucht. Er war sich sicher, dass ihm seine
unterdrückte Wut deutlich anzusehen sein musste.
»Es tut mir
wirklich Leid.«
Leif wartete
nicht mehr ab, ob Sam sich näher dazu äußern wollte, was genau er eigentlich
bedauerte: die Gegenwart oder ihre Vergangenheit. Er zuckte mit den Schultern
und stieg den kleinen Pfad empor, der zur Hütte führte. Während des Rückweges
glaubte er, Samuels Blick zwischen seinen Schulterblättern zu spüren. Als er in
die Hütte eintrat, konnte er sich nicht mehr beherrschen und sah zum Bootshaus
zurück. Doch Sam war verschwunden.
»Das
Grundprinzip ist denkbar einfach: Wer spricht, muss den Knopf nach unten
drücken. Es kann immer nur einer sprechen. Wenn man den Gegenpart hören will,
muss man den Knopf loslassen«, erklärte Samuel den Gebrauch der Funkgeräte, die
Leif an klobige Handys aus den Neunzigern erinnerten.
»Wir funken auf PMR 446, das bedeutet,
dass wir theoretisch eine Entfernung von acht Kilometern überbrücken können.
Tatsächlich ist es aber meistens weniger, wenn zum Beispiel Hügel oder Wälder
zwischen den Funkenden liegen. Direkt am Speilhav ist der Empfang aber meistens ganz gut. Die Funkgeräte
sind alle auf Kanal 5 eingestellt und so konfiguriert, dass wir eine
geschlossene Gruppe bilden. Das heißt, Außenstehende bekommen unsere Gespräche
nicht mit, es sei denn, sie legen es darauf an und knacken den Zugang. Ihr
könnt außerdem anwählen, ob ihr mit allen Gruppenmitgliedern Kontakt aufnehmen
wollt oder nur mit einem einzelnen Mitglied.«
»Funktioniert
also wie ein Gruppenchat im Vergleich zu einem privaten Gespräch«, warf Steffen
ein.
Samuel blickte
Steffen irritiert an, als ob er nicht mit einem solchen Kommentar gerechnet
hätte.
»Hm, ja, so
könnte man das wohl sagen.«
Samuel griff
nach Steffens Funkgerät und wählte die Einstellung für eine
Gruppenkommunikation. Der Ärmel seines Parkas rutschte nach oben, entblößte
blasse Haut und ein abgetragenes Lederarmband.
Unauffällig
schob Leif sich näher, nicht nur, um zu sehen, was Samuel ihnen am Funkgerät
erläuterte, sondern um einen besseren Blick auf dessen Handgelenk zu werfen.
Tatsächlich. Das breite Leder war verschrammt, die Prägungen kaum noch zu
erkennen. Es hatte sich mit dem Verschluss nach oben gedreht, sodass Leif die
braunen Druckknöpfe ausmachen konnte. Er blinzelte. Sie waren silbern gewesen,
damals. Er war sich ganz sicher.
Sommer 2004
Leif betrachtete
das kleine Päckchen in Samuels Händen. Es war recht hässlich, das Papier war an
mehreren Stellen eingerissen und die Tesafilmstreifen saßen schief. Sogar
einige Krümel und ein kurzes Haar hatten sich auf die Klebefläche geschlichen,
als Leif das Geschenk verpackt hatte.
Sein Herzschlag
legte an Tempo zu, als Sam das Päckchen umständlich öffnete. Himmel, warum riss
er es nicht einfach auf? Samuels Geduld machte ihn beinahe wahnsinnig.
Als Sam den
Inhalt endlich befreit hatte, lastete die Stille schwer auf Leifs Ohren.
Sam drehte das
lederne Armband in den Händen. Es war dunkelbraun und mit einer Prägung
versehen. In einen keltischen endlosen Knoten eingebettet befand sich ein
Symbol: ein Kreis mit zwei parallelen, senkrechten Linien, die darüber
verliefen.
Leif verfluchte
sich für seinen dummen Einfall. Am Ende ihres Familienurlaubes in Irland hatte
er die Idee noch gut gefunden, Sam das Armband als verspätetes
Geburtstagsgeschenk mitzubringen. Wenn er schon nicht bei ihm sein konnte, um
mit ihm zu feiern. Aber jetzt war es nur noch billiger Tand aus einem
Souvenir-Shop.
Sam strich mit
dem Mittelfinger über die sich überkreuzenden Linien des Knotens, bis er zum
Kreis in der Mitte angelangt war. Leif räusperte sich leise.
»Das ist so was
wie ein Glücksbringer, hat der Typ im Laden gesagt. Ich fand es ganz cool und
dachte...«
Er hatte
gedacht, dass die Farbe gut zu Sam passen würde. Dass er den Geruch von Leder
mochte. Dass das Armband breit war, irgendwie maskulin... dass es schön wäre,
wenn Sam es tragen würde. Natürlich sagte er Sam nichts von alledem.
Sam lächelte,
während er den Kreis mit der Fingerspitze nachfuhr. »Erde... und hier«, er
strich über die parallelen Linien, »Mond.«
Er blickte auf.
»Das ist Sigil, ein
druidisches Schutzsymbol. Danke!«, grinste Sam. »Machst du es mir um?«
Leif nickte,
legte das Armband um Samuels rechtes Handgelenk und schloss die hell glänzenden
Druckknöpfe mit einem leisen Klicken.
»Woher weißt du
das?«, fragte er dabei erstaunt.
Sam zuckte mit
den Schultern.
»Musste vor
Kurzem in Geschichte ein Referat halten. Da kam's drin vor.«
Leif runzelte
skeptisch die Stirn. Sie nahmen in der Schule gerade die Weimarer Republik
durch und er konnte sich nicht vorstellen, dass der Lehrplan an Samuels
Internat so anders aussah, selbst, wenn es in einem anderen Bundesland lag. Ein
leichter Stoß schreckte Leif auf.
»Hey, nicht
träumen!«, lachte Sam.
Seine Hand lag
auf Leifs Schulter. Warm und fest. Ein Kribbeln schien von ihr auszugehen. Leif
wurde unbehaglich, er hätte sich am liebsten unter der Berührung weggeduckt und
doch konnte er es nicht. Zu lange war das letzte Mal her. Eine kurze Umarmung,
als Leif zusammen mit Tilda und seinen Eltern heute Mittag zu Hause angekommen
war. Oberflächlich. Nicht genug.
So sehr er die
zwei Wochen in Irland auch genossen hatte, hatte er sie gleichzeitig verflucht.
Sie stahlen ihm wertvolle Zeit mit Sam. Nur noch dreizehn Tage Ferien lagen vor
ihnen, dann würde Sam wieder verschwinden.
Leif sah in
Samuels Gesicht und war sich sicher, dass sein bester Freund ihm alles ansehen
musste: die Sehnsucht, seine Unsicherheit und dieses verrückte Verlangen. Wenn
Sam wüsste, an wen Leif in schöner Regelmäßigkeit dachte, wenn er sich einen
runterholte, würde er ihn wahrscheinlich auslachen. Oder ihm eine reinhauen.
Leif biss fest
die Zähne zusammen und versuchte sich an einem Lächeln. Den Schein wahren...
genau. Als Samuels Daumen über seine Schulter strich, ganz kurz nur,
verrutschte sein Lächeln und gab noch mehr von ihm preis. Sam war so nah...
Seine Pupillen erschienen riesig, als wollten sie das warme Braun der Iris
verschlingen. Leifs Blick huschte zu den schmalen Lippen des anderen Jungen.
Sie waren trocken, ein kleiner Riss in der Unterlippe zeigte, dass Sam mal
wieder daran herumgeknabbert hatte. Eine schlechte Angewohnheit, die Leif
inzwischen regelmäßig um den Verstand brachte. Wenn er sich jetzt weiter
vorlehnen würde, dann könnte er...
Hallo Dewi,
AntwortenLöschender Anfang war beklemmend, dann die Erkenntnis - es ist nur ein Traum, aber dennoch bleibt ein bedrückendes Gefühl, das auch Leif durch den Tag schleppen muss. Sams und Leifs Zusammentreffen am Steg, das Unvermögen miteinander zu reden, so viel Frust und Wut.
Leif ist es schier unmöglich, sich nicht seiner Vergangenheit zu stellen, sie drängt sich im praktisch auf, in kritischen Betrachtungen der letzten Jahre und dem Zusammenleben mit seinem Freund Micha, als auch in Erinnerungen an seine Jugend, die weitaus schmerzhafter sind....
Ich mag die Zeitsprünge, den dunklen Unterton der Geschichte, sie macht süchtig.
Vielen Dank fürs Teilen!
A.