Montag, 6. Januar 2014

Das Nagen im Inneren – Ein Outtake aus der „Staub & Stolz“ - Welt



Dies ist ein kleiner Outtake aus der „Staub & Stolz“ – Welt. Wer "Staub & Stolz" noch nicht gelesen hat, sollte diesen Text nicht lesen, denn er enthält Spoiler.

Bitte beachtet, dass es sich um einen Rohtext handelt, der weder Lektorat noch Korrektorat durchlaufen hat.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!

Dewi








Das Nagen im Inneren


„Und wie der Fettsack gerannt ist! Ich hätte nicht gedacht, dass Gissur so schnell sein kann“, kicherte Edor verholen.
„Ein ausgewachsener Bär auf den Fersen hat ihm wohl Flügel verliehen“, grinste Iain böse.
„Du solltest das Fell im Prunksaal der Sommerresidenz aufhängen, damit der alte Hurensohn stets an sein schmähliches Versagen erinnert wird“, raunte Edor und wies mit dem Daumen über seine Schulter in Richtung des Karrens, der die königlichen Habseligkeiten über das Land trug. In einer der getürmten Truhen befand sich auch das vor wenigen Wochen gegerbte Fell des stattlichen Bären, der den Herren des adligen Hauses Görmungandur in die Flucht geschlagen hatte. Es waren Iain und seine Jagdhelfer mit ihren Hunden gewesen, die den Bären schließlich zur Strecke gebracht hatten.
„Du bist ein grausamer Mann, Edor“, feixte der Prinz.
Edor zuckte unschuldig mit den Schultern. „Ich vertrete nur die Interessen meines zukünftigen Königs.“
Das Sonnenlicht des Spätherbstes schimmerte golden. Es ließ die Iris in Iains Augen grün aufleuchten, während er lachend den Kopf abwandte. Ein wohl vertrautes Ziehen breitete sich in Edors Innerem aus. Das Lachen seines Freundes war ansteckend. Denn genau dies war Iain in diesem Moment: sein Freund. Nicht der Thronfolger, nicht der Kriegerprinz. Sondern schlicht sein Cousin zweiten Grades. Vertrauter seit Kindesbeinen.
Gelegentlich berührten sich ihre Knie, wenn die Pferde auf dem Weg dicht nebeneinander gehen mussten. Bei mancher dieser Gelegenheiten warf Edor dem Prinzen einen Blick zu, der versteckte Provokation und Verheißung gleichermaßen war. Und obwohl Iain seine Gesichtszüge meisterlich beherrschte, wusste Edor, dass er dem Anderen so manches Bild ins Hirn pflanzte.
Er genoss den Ritt von der Sommerresidenz zur Feste Neer. Das Wetter war freundlich und warm, Felder und Wiesen hatten reiche Ernte getragen. Schon bald nach ihrer Ankunft auf der Feste würde er nach Hause zum Sitz seines Vaters reiten müssen, doch noch konnte er den Gedanken daran beiseite schieben. Lentos düstere Burg war weit weg, genauso wie Edors Verpflichtungen seiner Familie gegenüber. Diese Tage gehörten ihm und Iain, ganz egal, ob sie von adligen Günstlingen und einer Vielzahl an Bediensteten umgeben waren.
Sie würden Gelegenheiten finden. Es gehörte eine dummdreiste Portion Mut dazu, unter den Augen des Hofstaates, ja sogar seines eigenen Vaters das Spiel mit Iain zu spielen, und doch konnte sich Edor nichts besseres vorstellen. Kräftige Griffe, die sein Bemühen um Stille untergruben. Heiße Haut, die ihn verbrannte. Atem, der das Inferno schürte. Ungezügelte Kraft, der er sich entgegen werfen konnte.
Was kurz vor dem Mannesalter mit verschämten Berührungen begonnen hatte, hatte sich mit den Jahren zu einer Huldigung der unbarmherzigen Gier ausgewachsen, die sie beide Antrieb. Edor wusste, dass Iain sich andere Männer hielt. Es schmeckte ihm nicht sonderlich, doch wurde er stets von Iains kühler Zweckmäßigkeit beruhigt. Der Prinz besorgte sich Gespielen, die ihm willig den Arsch anboten und dabei so zitterten, dass er keinen Verrat fürchten musste. Manche der Männer waren gestandene Familienväter, andere gerade dem Knabenalter entwachsen. So wie Melnir, der derzeit die Laken des königlichen Bettes wärmte – wenn Iain nichts besseres fand.
Edor runzelte ärgerlich die Stirn, als ihm die Bemerkung einfiel, die Nistingúr, einer der Vertrauten seines Vaters, vor kurzem über den Thronfolger hatte fallen lassen. In der letzten Zeit hatten Gerüchte die Runde gemacht. Hässliche Gerüchte. Tuscheleien, die viel zu nah an der Wahrheit lagen.
Edors eigener Ruf war tadellos, denn er hatte schon vor über zwei Jahren geheiratet und Katlá hatte sein Kind ausgetragen. Es war nur eine Tochter, doch es war gut möglich, dass der Leib seines Weib sich schon wieder rundete. Immerhin war er bei seinem letzten Aufenthalt auf der Burg seines Vaters nicht untätig gewesen. Nein, er hatte alles dafür getan, seinem alten Herren keinen weiteren Grund zu geben, an ihm zu zweifeln.
Doch Iain brachte sich in Gefahr. Er zeigte in fast allen Dingen großartige Anlagen, die ihn befähigten, seinen kranken Vater, den König, würdig zu vertreten. Er herrschte mit einer strengen Grausamkeit, an der Edor sich berauschte. Der Adlige liebte es zu beobachten, wie sich die Günstlinge unter dem Blick des Thronfolgers bebend in den Staub warfen. Wie sie katzbuckelten und schleimten, immer ängstlich darauf bedacht, ja genügend und bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Er kannte Iain gut genug, um vorauszuahnen, wann dem Thronfolger der Geduldsfaden riss und er einen seiner Untergebenen mit durchtriebener Brutalität das Fürchten lehrte. Manchmal schloss Edor stille Wetten mit sich selbst ab, welchen Günstling der herrschaftliche Zorn als nächstes treffen würde. Meist behielt er Recht.
Dennoch hatte der Prinz eine Schwäche, die er nicht genügend deckte. Edor wurde unwohl bei dem Gedanken, was noch auf seinen Cousin zukommen mochte. Iain musste heiraten, noch wichtiger, er musste einen Erben in die Welt setzen und so der Welt beweisen, dass er fähig war, Nótts Blut weiter zu geben. Warum der Thronfolger sich sperrte, war Edor zwar klar, nachvollziehen konnte er die Zauderei aber nicht. Es war keine Magie notwendig, ein Weib zu besteigen und zu schwängern.
Als Edor damals gezögert hatte, die Verbindung mit dem Hause Auður einzugehen und Katlá zu ehelichen, hatte Iain kaltblütig und hinter dem Rücken seines Cousins die Fäden in der nordischen Politik gezogen, so dass ein Entkommen für Edor unmöglich wurde. Ein Teil von ihm hasste den Iain für dieses berechnende Vorgehen – immer noch. Und doch hatte der Prinz damit übler Nachrede entgegen gewirkt und die argwöhnischen Blicke der sie umgebenden Männer abgelenkt.
Edor schreckte auf, als er von Iain angerempelt wurde und sein Oberschenkel schmerzhafte Bekanntschaft mit dem wulstigen Sattel des königlichen Schimmels Artak machte. Der Adlige unterdrückte einen Fluch, während Iain ihm dreist zugrinste. Dann wurde die Aufmerksamkeit des Prinzen abgelenkt, sein Lächeln erlosch.
Edor folgte dem Blick seines Freundes und knirschte mit den Zähnen. Parallel zum Tross des Prinzen ritt ein Krieger auf seiner feuerfarbenen Stute. Nachtschwarz glänzte sein Haar. Das Kinn trug er arrogant gehoben. Es war der Südländer, den Iain vor kurzem als Leibwächter in seinen Dienst genommen hatte.
Ein gefährlicher Mann. Fremd und – das musste selbst Edor zugeben – auf eine herbe Art schön. Ja, wären Iains Blicke nicht gewesen, so hätte Edor selbst mit dem Gedanken gespielt, ob er den Südländer nicht auf sein Lager holen könnte. So aber trieb ihm der Anblick des fremdländischen Mannes die Galle hoch.
Er kannte Iain seit dessen erstem Lebensjahr. Edor selbst hatte keine Erinnerung mehr daran, aber seine Mutter hatte ihm davon berichtet, wie der ein Jahr jüngere Thronfolger hinter seinem Cousin hergekrabbelt war, sobald er ihn das erste Mal erblickt hatte. So war es von Anfang an gewesen. Iain war ihm gefolgt wie ein kleiner Bruder, anhänglich wie ein Hundewelpe. Und Edor, der im Kreise seiner Familie selbst der jüngste war und zuweilen durch seine älteren Geschwister drangsaliert wurde, hatte die Aufmerksamkeit des Jüngeren stets genossen. Selbst, wenn er ungerecht und gemein zu seinem Cousin gewesen war, war dieser stets zu ihm zurück gekommen. Gemeinsam hatten sie seine Amme zur Weißglut und die restlichen Bediensteten seines Vaters in den Wahnsinn getrieben, wenn der königliche Tross sich in den Herbstmonaten in den östlichen Gemarkungen aufhielt.
Ein melancholisches Lächeln zupfte an Edors Mundwinkel. Zunächst verschreckt, dann mutiger hatte sich Iain auf seine tastenden und unwissenden Versuche eingelassen, als Edor auf das Mannesalter zuschritt und der Körper seines Cousins ihm Gedanken in den Kopf und den Körper streute, die er nicht auszusprechen wagte. Von Beginn an hatten sie gespürt, dass sie etwas Verbotenes taten. Dass der Genuss, den sie sich verschafften, nicht Recht war. Hätte sein Vater sie damals bei ihren Spielereien erwischt, er hätte Edor in der nächsten Viehtränke ersäuft. Er täte es heute noch.
Edor beobachtete den Prinzen, wie er neben ihm her ritt und seinen Leibwächter nicht aus den Augen ließ. Ein Fremder mochte nur die unbewegte Maske des Thronfolgers erblicken, doch Edor kannte seinen Cousin gut. Viel zu gut. Es lag Hunger in Iains Blick. Ein Hunger, der weiter ging als oberflächliches Begehren. Hunger, der sich tief in die Knochen fraß und sich dort einnistete, einem Parasiten gleich. Edor hatte diesen Ausdruck noch nie im Gesicht seines Freundes gesehen.
Aber er kannte das Gefühl dazu. Er kannte es seit langem und viel zu gut. Es gab Tage, da fühlte sich er wie ein magerer Hund an der königlichen Tafel, der darauf wartete, einen Brocken zugeworfen zu bekommen. Edor verabscheute sich selbst. Verabscheute seine Unfähigkeit, sich dem nagenden Schmerz in seinem Inneren zu entziehen. Doch die Art, in der Iain den Südländer betrachtete, ließ das Nagen zu einem Reißen anwachsen. Ratten hausten in seinen Innereien. Ratten, die denen in den Katakomben seines Zuhauses glichen, fettgefressen an stinkendem Unrat und der Angst kleiner Kinder.
Edor rang in den folgenden Stunden um jede Unze Beherrschung, die er aufbringen konnte. Er ließ den Blick über den Tross schweifen und unterhielt sich mit Iain und Urza, der zu ihnen aufgeschlossen hatte. Geplänkel unter Adligen. Nichtssagend, denn die wichtigen Entscheidungen wurden in größerer Runde besprochen. Dennoch half es ihm, die Ratten zurück zu lassen in den dunklen Verliesen.
Als sie schließlich am Ort ihres heutigen Lagers ankamen, konnte Edor Iain wieder in die Augen sehen, ohne den Drang zu verspüren, den anderen zu packen und ihm den Hunger aus dem Gesicht zu schlagen. Den heißen Wunsch, das Antlitz des südländischen Leibwächters mit seinem Dolch zu verzieren, konnte er hingegen nicht so erfolgreich unterdrücken. Der Hundsfott kuschte nicht so, wie er es sollte, sondern trug den Kopf stolz erhoben. Es juckte Edor in den Fingern, dem Leibwächter eine Lektion in Demut zu erteilen.
Während ihre Pferde versorgt wurden und sie gemeinsam mit den engsten Beratern des Prinzen ein kurzes Mahl einnahmen, grübelte Edor über den neuen Leibwächter nach. Ein Mann, ausgeschlossen von seinem eigenen Volk. Was musste er verbrochen haben, dass seine eigene Familie ihn verstieß und ihm seinen Namen raubte? Ein Verbrecher in den Diensten des Prinzen. So nah bei ihm, wie kaum ein anderer Bediensteter. Mit dem Ohr an Besprechungen, die streng vertraulich waren. Obwohl Edor den Prinzen für gewöhnlich in all seinen Entscheidungen unterstützte, konnte er nicht verstehen, was ihn zu dieser Dummheit angestiftet hatte.
Iain war ein harter Mann. Er nahm sich, was und wen er wollte. Doch bisher hatte sein Verstand das Sagen über seinen Trieb gehabt. Seitdem der Südländer im Dienst des Prinzen stand, zweifelte Edor das erste Mal an seinem langjährigen Freund. Dabei wäre es nicht schwer gewesen, sich den Mann zu nehmen – ob er für solche Spiele empfänglich war oder nicht. Die königliche Sommerresidenz verfügte über ausgedehnte Gänge, die sich tief in den Berg gruben, auf der die thronte. In ihnen waren schon viele Männer verschwunden. Die Wände waren dick und ließen keine Schreie entweichen.
Edor leckte sich über die Lippen, als er sich die Szenerie vorstellte. Der Südländer, aufgespannt von eisernen Fesseln. Iain, der sich an seinem Köper labte wie ein Wolf sich an seiner Beute. Der sich zu Edor umwandte, ein hartes Funkeln in den Augen. Sie hätten teilen können. Und danach, satt und befriedigt, Zerstreuung bei Musik und Trank suchen können, während der Südländer verrottete, in der Dunkelheit des Berges Keilir zurückgelassen.
Mit einem kurzen Griff rückte er sein Glied zurück, das die grausame Fantasie zum aufrechten Eigenleben motiviert hatte. Ein spöttischer Laut ließ ihn ertappt aufblicken. Hinein in Iains Augen, die ihn belustigt musterten. Zu der dumpfen Schwere zwischen seinen Beinen gesellte sich das vertraute Nagen in seinem Inneren. Bei allen Göttern, er wollte Iains Schweiß von dessen Körper lecken, sich in seinem Moschus suhlen. Er biss sich auf die Unterlippe – ein Zeichen von Schwäche, das ihm nur selten entkam.
Der Abend war weit voran geschritten, und die Männer, die mit dem Prinzen gespeist hatten, zogen sich nach und nach zurück. Für Edor war es ein qualvolles Warten. Ein banges Warten. Könnten sie heute Nacht ...? Würde der Prinz es wollen? Das letzte Mal war zu lange her, und Edor fühlte sich, als wöge seine Lust noch schwerer als sonst. Er war sich sicher, das Iain, der Bastard, um seine Not wusste.
Als der Prinz sich von ihm abwandte, um sich in sein Zelt zurück zu ziehen, hielt er inne. Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht. Verräterisch und durchtrieben.
„Möchtest du mir nicht noch für eine Partie Hugleikur Gesellschaft leisten?“, fragte Iain arglos.
Edor war nicht in der Lage, sein Lächeln einzufangen. Das Nagen in seinem Inneren machte wohliger Wärme und einem aufgeregten Flirren Platz. Immer noch. Immer wieder. Und wenn es nach ihm ginge, würde sich hieran nie etwas ändern.
Er nickte stumm und folgte Iain in sein Zelt. Ein Zelt, das vom dunklen Südländer bewacht werden würde, während sie ihr Spiel trieben.

~ ~ ~ ~


Kommentare:

  1. Nachmals Hallo,

    Edor, ein eher unsympathischer Gegenpart zu Forlán, aber seine Ablehnung und sein Widerwille Forlán gegenüber sind nachvollziehbar, schiere Eifersucht, unerfüllte Wünsche - ein Dilemma für ihn mit ansehen zu müssen, wie Iain jemand anderen so eingehend betrachtet und beobachtet und man weiß wie er tickt ....

    Vielen Dank für diesen kleinen Einblick in eine süchtig machende Welt!

    Anita

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Anita,

      ehrlich gesagt finde ich Edor gar nicht sooo unsympathisch. Ich denke, er ist gefangen in seiner Rolle - und in der Liebe zu einem Mann, den er nie wirklich haben kann. Dennoch schätze ich seine dunklen und verschrobenen Seiten, sie machen ihn spannend. :)

      Dank Dir,
      Dewi

      Löschen